Der Staatsfeind Nr. 1 – die gemeine Bakterie

Sie werden sich sicherlich fragen, was diese Überschrift zu bedeuten hat.

Ich will es Ihnen erklären.

Normalerweise animiere ich niemanden, sich abends vor den Flimmerkasten zu setzen und Doof-TV zu schauen, und schon gar keine Werbe-Spots, von denen es in Deutschland ohnehin kaum sehenswerte gibt, aber in diesem Zusammenhang tue ich es mal. Schauen Sie mal einen Abend lang Werbefernsehen oder ähnliche Sendungen und Sie werden erkennen, was ich mit dieser Überschrift meine – die gemeine Bakterie – und das Wörtchen „gemein“ gebrauche ich hier im doppelten Wortsinn – ist zu unser aller Hauptfeind mutiert.

Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, dass man der Meinung der Fernsehmacher und derjenigen, die dahinterstehen, nach, alles antibakteriell, porentief rein und steril halten muss?

Da ist die böse Bakterie im Küchenbrett, die Bestie im Auftauwasser ihres Suppenhuhns, die Monster-Schar im Toilettenbecken, die Ihren Bubi bedroht, wenn er mit seinem Auto in der Kloschüssel spielt. Da sind die bösen geruchsbildenden Keime auf dem Sofa, auf dem grad Wauzi gelegen hat, die grässlichen Zungenbakterien, die Küssen unmöglich machen, weil man aus dem Hals riecht wie eine Müllhalde, und da sind natürlich auch die anderen mordenden Ungeheuer wie Salmonellen, Hausstaubmilben etc.

Schaut man sich dies alles mal geballt an, fragt man sich, ob es nicht besser wäre, man würde jeden neugeborenen Menschen gleich in einen sterilen, von der Außenwelt abgeschnittenen, Glaskasten setzen, in dem man ihn dann nach Ablauf der Rentenzahlungsdauer auch gleich entsorgen kann. Das einzige Problem ist, dass es wohl noch kein biologisch abbaubares Glas gibt.

Und natürlich hat Industrie und Handel gegen jeden dieser Schmarotzer auch gleich das passende Gegenmittel zur Hand, und der unbedarfte Kunde kratzt seinen letzten Euro zusammen, um auch ja gegen den Angriff der Killer-Bakterien gerüstet zu sein. Zwar ist der Kühlschrank leer, weil Hartz IV nicht für alles reicht, aber der Bakterienflut sind wir Herr geworden. Im Übrigen ist das auch gar nicht so schlecht, denn in einem leeren Kühlschrank bilden sich weniger Mörder-Keime.

Nun gut, ich will natürlich niemanden zur Unsauberkeit anhalten, Hygiene ist wichtig, aber Sauberkeit und steriles Leben trennen Welten.

Fragen Sie sich nicht auch manchmal, was eigentlich aus unserem guten alten Immunsystem geworden ist? Ist es grad im Urlaub? Oder hat es aufgrund unserer allumfassenden Sterilität einfach nur Langeweile und macht mangels Beschäftigung ein Nickerchen?

Haben Sie sich nicht auch schon manchmal gefragt, warum wir und besonders unsere Kinder trotz immer weiter fortschreitender Medizin und pharmazeutischer Forschung immer kranker werden? Vor rund 30 Jahren haben sich Eltern in der Regel darüber unterhalten, welche Fensterscheibe Bubi grad zerschossen hat, wie sich die Racker Steinschleudern bauten oder woher die Narben am Knie kommen. Hört man heute besorgten Eltern zu, dann hört man meist nur noch die Worte „Allergie“, „Neurodermitis“ und einige andere apokalyptische Fachtermini. Da könnte man doch glatt sagen: unsere Kinder sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Aber ist der moderne Mensch nicht selbst schuld? Hat er sich in den letzten Jahrzehnten nicht konsequent von Mutter Natur wegbewegt? Hat er sich nicht den Bauch vollgestopft mit allerlei Unrat aus dem Supermarktregal? Es ist ja auch schön bequem, sich schnell mal einen Burger reinzuschieben oder das Mikrowellengericht aus dem Schrank zu holen. Mit kochen verschwendet man ja viel zu viel Zeit, die man besser vor dem Fernseher bei einer interessanten Silikon-Brüste-Talk-Show verbringen kann. Und wenn’s dann juckt, dann ist der Arzt natürlich schnell mit einem Cortison-Spritzchen zur Hand.

Ich wundere mich schon lange nicht mehr, dass wir und unsere Kinder nur noch vollgepumpt mit pharmazeutischen Wundermittelchen überleben können. Ein Apfel, der schöner aussieht, als ihn Vincent van Gogh jemals malen konnte, lässt mich jedenfalls erschaudern. Und vergleicht man den Inhalt eines Tetra-Packs voll „Haltbarer Vollmilch“ mit dem, was die Kuh originär verlässt, dann findet man kaum noch Gemeinsamkeiten. Ich frage mich schon seit Langem, ob nicht viele Allergien von der ach so gesunden Milch kommen, denn die Molekularstruktur unserer Supermarktmilch dürfte durch die Haltbarmachung derart verändert sein, dass der Körper, der ja bekanntlich nicht die Aufschrift auf dem Karton lesen kann, nicht mal mehr merkt, dass es sich um Milch handeln könnte, sondern unser geliebtes Grundnahrungsmittel für einen Feind hält. Und wenn ich dann im Supermarkt Garnelenschwänze sehe, die aus Fischmehl gepresst und „bemalt“ wurden, dann ist mir endgültig der Appetit vergangen. Sie glauben das nicht? Schauen Sie im Internet mal unter „Surimi“ und sie werden staunen. Verwundert es da, dass besonders die jungen Körper unserer Kinder überfordert sind, viel zu viel zu tun haben mit der Entgiftung von allerlei Zeugs und dem eigentlich sehr zuverlässigen Immunsystem die Kraft fehlt, sich um die alltäglichen und normalen Dinge zu kümmern?

Nun fragt man sich, was das alles mit natürlicher Tierernährung zu tun hat.

Sehr viel!

Zum einen, weil es unseren geliebten Vierbeinern nicht anders geht als uns und unseren Kindern, denn gegen das, was so gemeinhin im Tierfutter Verwendung findet, sind unsere Mikrowellen-Menüs noch das reinste Festmahl. Und im Ergebnis haben unsere wehrlosen Hunde dieselben Krankheiten und Allergien wie unsere Kinder. Aber das alles sind keine typischen Tierkrankheiten, sondern Menschenkrankheiten, die ein Tier in der freien Wildbahn nicht kennt. Stellen Sie sich doch bitte mal einen Dachs mit Bulimie vor! Oder haben Sie bei Ihrem letzten Waldspaziergang im Frühjahr ein Reh niesen hören, weil es grad Heuschnupfen hatte? Ach nee, Sie gehen ja nicht in den Wald, wegen der Zecken und deren bösen Borellien.

Vielleicht ist es ja das naturfremde Leben, das unsere treuesten Gefährten krankmacht. Und vielleicht wäre ein wenig „Zurück zur Natur“ die Lösung. Mit einer natürlichen Ernährung fängt es an – mit „Barfen“ eben. Aber auch hier ist die gemeine Bakterie das Totschlagargument Nr. 1. Hört man Tierärzten, Futterherstellern und anderem „fachkundigen Personal“ zu, dann ist das Barfen eine hochgefährliche Angelegenheit – eben wegen unserem lieben Staatsfeind. Überall wo Sie mit rohem Fleisch hantieren, greift er an. Und ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass bei derartigen Argumentationen besonders unsere Kinder in den Mittelpunkt gezogen werden. Aber wie machen Sie das eigentlich, wenn Sie ein Suppenhuhn auftauen oder gar grillen? Aber Sie desinfizieren sicherlich Ihre ganze Küche nach dem Schneiden und Marinieren Ihrer Nackensteaks – oder etwa nicht? Sie wissen schon, dass Sie Ihre Kinder damit zum Pflegefall machen können? Und das Mettbrötchen sollten Sie vorher auch lieber ultrahocherhitzen, und Sushi – lassen Sie bloß die Finger davon weg!

Einer meiner besten Freunde ist auf dem Dorf aufgewachsen, als Sohn vom Schweinemäster. Glauben Sie mir, er hat das Wort „Allergie“ erst kennen gelernt, als er in die Stadt gezogen ist.

Sie haben sicherlich bemerkt, dass ich in diesem Text eine Reihe von Fragen aufgeworfen habe. Einige habe ich beantwortet, andere nicht. Ich glaube aber, dass Sie den Sinn dahinter trotzdem verstanden haben. Außerdem habe ich einige Antworten bewusst weggelassen, weil ich sonst Gefahr laufen würde, den Staatsfeind Nr. 2 an der Backe zu haben – den abmahnwütigen Rechtsanwalt.

Ich habe jedenfalls am Abend bevor dieser Text entstand, meinen Hund mit einem jungen, tiefgefrorenen, und natürlich vorher auf Zimmertemperatur aufgetauten, Kaninchen gefüttert – komplett, versteht sich. Man spricht hier von Ganzkörperfütterung, wie sie bereits in vielen nachdenkenden Zoos praktiziert wird. Und siehe da, mein Hund hat allen Unkenrufen in Sachen Domestizierung zum Trotz das Tier völlig instinktsicher zerlegt und gefressen und danach ruhig und erholsam geschlafen. Und ich auch, wusste ich doch, dass ich meinem Liebling etwas wirklich Gutes getan habe, fernab der Zeitbomben aus Tüte, Büchse und Supermarktregal.

Denken Sie nach! Leben Sie! Und lassen Sie vor allem Ihr Tier leben!
Henry Wollentin