Bekommt man durch Barfen einen Bandwurm?

Wieder so eine Frage, bei der eingefleischte Barfer (im wahrsten Sinn des Wortes) das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommen, und bei der fachunkundigen Hundehaltern der Schrecken in die Glieder fährt.

Aber warum stell ich diese Frage überhaupt?
Ursache dafür ist der MDR, der in seinem Vormittagsprogamm am 02.07.2009 einen „fachkundigen“ Bericht über das Barfen brachte und sich mir, allen teilweise brauchbaren Informationen zum Trotz, die Haare aufstellten, als ich die Erklärungen zu diesem Thema hören musste.

Was wurde dort gesagt? Sinngemäß – wörtlich habe ich mir das natürlich nicht gemerkt – wurde gesagt:

Durch das Füttern von rohem Rindfleisch könne man sich mit einem Bandwurm infizieren. Fräße der Hund das belastete Fleisch, würden die Eier des Bandwurms mit dem Kot ausgeschieden werden und blieben im Fell am After hängen. Beim Schmusen mit dem Hund nähme man die Eier auf. Diese Infektion würde dann krebsähnliche Zysten im Körper bilden (hierbei wurde ein Bandwurm in einem Glas gezeigt).

Kann man also?

Nein, man kann nicht. Und das leuchtet jedem ein, der im Biologie-Unterricht aufgepasst und der sich die Lebenszyklen des Bandwurms eingeprägt hat.

Wie sieht dieser aus?

Die sich durch die Luft oder mit dem Wasser verteilenden Eier werden von Rindern aufgenommen. Diese entwickeln sich im Körper des Rinds und bilden im Muskelfleisch eine Art „eingekapselte Larve“, die so genannte Finne. Das Rind bezeichnet man als Zwischenwirt. Isst der Mensch rohes, mit einer Finne belastetes Rindfleisch (z. B. Rinderhack), so gelangt die Finne in dessen Verdauungssystem und entwickelt sich im Darm zu einem bis zu 10 Meter langen Wurm, der sich mit seinem Kopf an der Darmwand festsaugt und ansonsten aus vielen hundert Gliedern besteht. Der Mensch dient dem Bandwurm somit als Endwirt. In diesen Gliedern bilden sich die Eier des Wurms und wenn die Endglieder ausgereift sind, werden sie abgestoßen und gehen mit dem Stuhlgang ab. Rinder-Bandwürmern wird nachgesagt, dass deren Glieder auch ohne Stuhlgang abgehen. Somit gelangen die reifen Eier wie oben beschrieben wieder an den Anfang der Entwicklungskette.

Aus diesem Entwicklungsverlauf können Sie sehen, dass sich der Mensch nicht mit den Eiern infizieren kann und der Hund diese wohl auch gar nicht ausscheidet, da er nicht der natürliche Endwirt ist und sich in ihm somit kein Wurm entwickelt. Außerdem steht zu vermuten, dass die Finne die aggressive Magensäure des gebarften (!) Hundes, die in der Lage ist, Knochen aufzulösen, ohnehin nicht überleben würde. Und es wurde in vielen Jahrzehnten der Forschung auch noch kein Fall bekannt, dass der Mensch als unechter Zwischenwirt fungiert.

Der Entwicklungsweg des Schweine-Bandwurms verläuft ähnlich, nur dass bei ihm eben das Schwein als Zwischenwirt dient. Bei diesem Wurm sind zwar viele Fälle weltweit bekannt, in denen der Mensch als unechter Zwischenwirt auftritt, was auch tatsächlich zu erheblichen gesundheitlichen Problemen führt, aber erstens ist Schweinefleisch ohnehin nicht der Liebling der Barfer und kann problemlos völlig weggelassen werden, und zweitens muss sich der betroffene Mensch mit den Eiern infizieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese aus dem After Ihres Hundes stammen tendiert wohl auch gegen Null und mit „krebsähnlich“ hat das alles auch wenig zu tun.

Ich selbst hatte als Schulkind zweimal einen Bandwurm (eigentlich war es nur einer, denn bei der ersten „Entsorgung“ war der Kopf im Darm verblieben), und lebe immer noch. Bis ich die Infektion bemerkte, waren 8 Wochen vergangen und ich fühlte mich oft nicht gut und hatte keinen Appetit. Nachdem ich dann ein Glied in der Toilette gefunden hatte, war nach einem Gang zum Arzt und zwei Tagen Durchfall alles erledigt und das Essen schmeckte besser als vorher.

Zu dieser Zeit hatten wir keinen Hund. Hätten wir damals einen gehabt, hätten wir barfen müssen, denn in der DDR der 70er Jahre gab es kein Industriefutter, sondern man ging zur Freibank und holte dort Fleisch, oder der Hund bekam die Essensreste der Menschen. Die Infektion kam daher, dass ich mich selbst barfte, ich aß und esse nämlich für mein Leben gern Mett und Hackfleisch und werde es weiterhin tun, auch auf die Gefahr hin, mal wieder „Besuch“ zu bekommen.

Tatsächlich für den Menschen gefährlich sind der Hunde-Bandwurm und einige andere Bandwurm-Arten, bei denen der Hund als Endwirt und der Mensch als Zwischenwirt dient. Um sich zu infizieren, muss der Mensch rohe Innereien eines Endwirts, also eines Hundes, essen.
(http://de.wikipedia.org/wiki/Dreigliedriger_Hundebandwurm).

Essen Sie die Innereien Ihres Hundes? Ich nicht. Demzufolge dürfte eine Infektion mit dem Hundebandwurm in Mitteleuropa so gut wie ausgeschlossen sein. Ein Zusammenhang mit der Verfütterung rohen Fleisches an Ihren Hund besteht hier also ebenfalls nicht.

Sie sehen also:

Barfen ist auch in dieser Beziehung völlig ungefährlich, auch wenn das Fernsehen und die dahinter stehenden Geldgeber mal wieder etwas gefunden zu haben glauben, Sie von der natürlichen Fütterung weg und hin zu den Zeitbomben aus Büchse, Tüte und Supermarkt zu drängen. Seien Sie also wachsam, wenn sie Fernseh- oder Zeitungsberichte über Tierernährung lesen oder sehen. Oft werden unter dem Deckmantel einer Wissenschaftssendung oder eines wissenschaftlichen Artikels die Interessen bestimmter Lobbyisten vertreten und Sie können getrost abschalten oder die Zeitschrift ins Altpapier werfen.

Die Gesundheit und die Lebensfreude Ihres Hundes sollte Ihnen ein Minütchen des Nachdenkens oder einen Anruf beim Fachmann wert sein. Viele Hundefreunde, Verleger, Autoren und Tierheilpraktiker haben es mittlerweile verstanden und beraten Sie fachgerecht. Sogar einige Tierärzte, die keinen Futtershop neben ihrer Praxis betreiben, haben es schon verstanden.

Und wenn Sie sich fragen, was nun für ihren Hund das Beste ist, dann fragen Sie sich einfach, was ein Wolf in dieser oder jener Situation tun würde und Sie haben die richtige Antwort.

Henry Wollentin